Gehen oder  bleiben?

Manchmal ist es nur ein Satz: "Das Kind wäre ein armes Schwein."
Das war nach ihrer Fehlgeburt. Auch sie wollte sich ihren Kinderwunsch nicht eingestehen. In diesem Jahr gab es eine Perserkatze zu Weihnachten. Aber sein Satz hatte sie bis ins Mark erschüttert. Warum glaubte er das? Sie waren beide Mitte dreißig, lebten im Eigenheim, er verdiente als Zahnarzt sehr gut...
Der Konflikt brach aber erst auf, als sie wieder Gesangsstunden gab, und, das machte ihn wirklich zornig, als Aushilfsverkäuferin in einem Kaffeegeschäft jobbte. "Was sollen meine Patienten denken?"  Seiner Meinung nach hatte Karen den Himmel auf Erden, hätte sie sich nur ganz ihrer Kunst gewidmet.  Wie anders musste da seine Mutter, die sich in einer Opferrolle sah, leben? Neben ihrem Halbtagsjob als grafische Zeichnerin machte sie den Haushalt für ihren sehr anspruchsvollen und nörglerischen  Mann, versorgte nebenbei noch die im Haus lebende Oma und hatte kaum Zeit für ihr Hobby als Malerin. "Wie froh wäre meine Mutter, wenn sie sich wie du den ganzen Tag lang mit Kunst beschäftigen könnte!"
Karen hingegen fühlte sich besser mit ihren Jobs. Sie kam mehr unter Menschen, hatte jetzt viel mehr Selbstbewusstsein und eigenes Geld. Herberts Argument, die Katze sei jetzt zu viel allein, tat sie als lächerlich ab: "Schaffen wir uns doch eine zweite an...!"
Die Beziehung Karen und Herbert befand sich in absoluter Schieflage. Bei beiden spürte ich agressive Untertöne seit fast sechs Monaten, so gaben sie zu, fand zwischen ihnen kein Sex mehr statt. Karen war die erste, die den Trennungswunsch äußerste. Gleich nach der Fehlgeburt hätte sie gehen sollen, sagte sie. Er hingegen wirkte verzweifelt, wollte sie halten...
Mein Rat an Herbert: Er müsste sich darüber klar werden, dass Karen nicht das Traumleben seiner Mutter führen will. Dass auch er, wie sein Vater sehr hohe Ansprüche stellt. Und sich selbst mit der Frage konfrontieren, ob er nicht selbst ungelebtes künstlerisches Potenzial in sich trägt, das verwirklicht werden will?
Mein Rat an Karen:  Überprüfen, ob ihr Kinderwunsch nicht doch real sei.