Wurden Sie auch schon aufgefordert, zu „Sach-Themen“ zurück zu kehren oder „sachlich“ zu argumentieren? Verlangte jemand von Ihnen, ein Thema „objektiv“ zu sehen? Ist Zuverlässigkeit auch ein „integraler“ Bestandteil ihrer Unternehmensphilosophie? Gehören Sie zu den „sozial Schwachen“ und der „hart“ arbeitenden Bevölkerung, für die Politiker mehr „soziale Gerechtigkeit“ und letztlich ihre Wählerstimme fordern? Haben Sie diese Erkenntnisse aus den „sozialen Netzwerken“ gewonnen?

Es ist erstaunlich, wie schnell wir uns Worthülsen unterjubeln lassen, die ja stets eine uns beeinflussende Wirkung entfalten sollen. Vielleicht lohnt es sich, auf sie ein kritisches Auge zu haben und sie nach Möglichkeit selbst zu vermeiden.

Wer von „Sach-Themen“ spricht sollte zunächst mal erläutern, ob es daneben noch andere Themen gibt – und wie die dann im Vergleich zu Sachthemen aussehen. Wahrscheinlich käme der Gegenüber dann zur Erkenntnis, dass „Themen“ völlig ausgereicht hätten.

Schwieriger wird es, wenn jemand nach eigener Einschätzung „sachlich“ argumentiert. So drückt sich der Sprecher davor, „stichhaltig“ oder „überzeugend“ zu argumentieren. Das Problematische an der „Sache“ wie auch am „Sachzwang“ ist, dass der Sprecher die eigene persönliche und somit angreifbare Meinung im Gespräch leugnet und Ihnen gleichzeitig unterstellt, sie würden mit Ihrem Argument einer „neutralen Norm“, der Sache also, nicht entsprechen. Tatsächlich aber meint Ihr Gegenüber, sie seien nicht seiner Meinung. Wie anders wäre die Tonlage er würde nicht aufrufen „sachlich“ zu argumentieren, sondern „brillant“ oder zumindest „plausibel“.

Philosophen könnten mit einiger Aussicht auf Erfolg beweisen, dass es „Objektivität“ gar nicht gibt. Ein weiser Kollege brachte das auf den Punkt: „’Subjektiv’ ist das, was Sie denken, ‚objektiv’, was ich denke.“ Nicht zuletzt beschäftigen sich heutzutage die „objektiven“ Wissenschaften damit, die Fehler vergangener Wissenschaftlergenerationen zu korrigieren. Auch dort gibt es also Irrtum. Die Natur mag  „objektiv“ sein, ihre Wahrnehmung durch den Menschen wohl weniger.

Beim Adjektiv, das so „integral“ ist, handelt es sich um einen Anglizismus und meint schlicht „wesentlich“.  Das hätte man auch so auf Deutsch sagen können; es klingt vermutlich aber zu gewöhnlich.

Werden wir nun „sozial“.

Eigentlich ist die Etikettierung „sozial Schwacher“ von der wörtlichen Bedeutung her eine böse Beleidigung in Richtung „asozial“. Dabei sind doch nur finanzschwache Menschen gemeint, die ansonsten völlig ok sind. Ein Mehr an „sozialer Gerechtigkeit“ für Finanzschwache bedeutet also schlicht „mehr Geld“, also finanzielle Gerechtigkeit. Bleibt nur die Frage, ab wie viel Euro dieser Level erreicht ist.

Anders scheint es mit der „hart“ arbeitenden Bevölkerung zu sein. Im Allgemeinen meint man damit eine schwere, körperliche Arbeit. Dieses Etikett trifft also sicherlich auf die handwerklich ausgerichteten Berufe und die Landwirtschaft zu. Wie sieht es aber mit der überwiegenden Anzahl der Arbeitsplätze in Industrie, Handel und Verwaltung aus? Wollen Politiker wirklich mit diesem Etikett sagen, sie träten für Arbeitnehmer, die „weich“ arbeiten, nicht ein? Eher wollen Sie uns allen schmeicheln. Vielleicht arbeiten wir alle „hart“, Politiker mit eingeschlossen.

Wie sinnverändernd Anglizismen sein können, sieht man am „Sozialen Netzwerk“, eine wörtliche Übernahme des „Social Network“. Hier wäre es besser gewesen, dieses Wort auch zu übersetzen. „Social“ hat im Englischen eine andere Bedeutung als unser deutsches Wort „sozial“, nämlich „gesellig“. In den USA organisieren „Social Clubs“ familiäre Grillnachmittage und andere themenorientierte Veranstaltungen in netter Gesellschaft. Soziales Engagement gehört im Allgemeinen nicht dazu.

Das „soziale Netzwerk“ will also nur ein „geselliges Netzwerk“ sein. Manche Diskussion nähmen möglicherweise einen anderen Verlauf, würde dieses Netzwerk auch auf Deutsch so bezeichnet.

US-Amerikanern und Briten dürfte im Gegenzug klar sein, dass „Sozial“-Demokraten nicht geselliger veranlagt sind als andere Demokraten – nehme ich jetzt mal an.