Gefühlt ist „Polemik“ etwas Schlimmes. Manche Redner betonen, sie wollten ja nicht polemisch werden, aber … dann werden sie es doch.

Da es in Deutschland weder eine etablierte Debattenkultur noch eine Debattentradition gibt, sind uns die klassischen Stilmittel einer Debatte nicht geläufig. Die Lust am Debattieren bleibt eher anderen Kulturen vorbehalten, und damit auch die Lust am Polemisieren.

Bei der Polemik handelt sich um die bewusste Zuspitzung einer Debatte, um den rhetorischen Streit, um den scharfzüngigen Austausch von Argumenten. Der Ursprung der Polemik, und damit der Ursprung des Wortes, liegt im antiken Griechenland. Auch die römische Debattenkultur pflegte dieses Stilmittel und brachte auf diese Weise große Rhetoriker hervor, die völlig zu Recht noch heute zitiert werden.

Polemik ist zur Klärung der Standpunkte daher etwas Gutes.

Auch im deutschen Bundestag wurde einst die Polemik gepflegt. Erinnert sei an die großen Rededuelle in den fünfziger Jahren zwischen Kurt Schumacher und Erich Ollenhauer, in den sechziger Jahren an die Auseinandersetzungen zwischen dem wortgewaltigen Franz-Josef Strauß und dem leidenschaftlichen Herbert Wehner. Standen diese Redner auf dem Programm geschah etwas Ungewöhnliches: Der Plenarsaal füllte sich - und leerte sich nach dem Auftritt der Starredner allerdings auch wieder.

Dann brach das Zeitalter der PR-Berater an. Sie erkundeten, wie sich die Bürger einen seriösen Abgeordneten vorstellten und designten die Redner entsprechend, so dass nur noch ‚politisch korrekte’ Äußerungen übrig blieben. Seitdem schlafen nicht nur auf den Besucherrängen die Zuhörer ein, auch im Plenarsaal können manche überarbeitete Abgeordnete die Augen trotz guten Willens nicht offen halten.

Dabei bemühen sich die Ministerien redlich, genügend Themen für Polemiken zu liefern. Was fiele einem beispielsweise nicht nur zur ‚Infrastrukturabgabe’ an galligen Kommentierungen ein? Während sich weder die politische Opposition zu polemischen Debatten hinreißen lässt und sich auch die offiziellen Medien nur zu sehr sparsamen Kommentierungen entschließen, blüht im Netz die Kunst der Polemik. In zahllosen Blogs finden sich überspitzte Kommentierungen – teils originell, teils übertreibend –,  die den vermuteten Widerspruch zwischen der offiziellen Lesart und den tatsächlichen Motiven dieser Gesetzesinitiative entlarven.

Wem die kraftlose Debattenkultur in Deutschland zu dröge geworden ist, dem sei ein Besuch des House of Commons anempfohlen. Dort lebt die Debatte und damit auch die Polemik in voller Blüte weiter.

Vielleicht fallen dem einen oder anderen Besucher des Parlaments die beiden roten Striche vor den Bänken der Abgeordneten auf. Sie dürfen von den Members of Parliament seit Jahrhunderten nicht überschritten werden. Die Entfernung zwischen den beiden Strichen ist groß genug, um sich im Fechtduell nicht zu verletzen.

Also auch hier sind die Zeiten ruhiger geworden.