Wahrscheinlich war die Serie „Wagen 54  - bitte melden“ der erste Versuch, in Deutschland einen neuen Typ von Humor populär zu machen: die Sitcom. Die Dialoge dieses Genres gewinnen ihren Kick durch spitze Wechselgespräche. Die eigentliche Situationskomik ergibt sich allerdings in den Gesprächspausen. Sie können nur eine oder zwei Sekunden dauern oder auch „endlos“ lange, in denen eine Handlung völlig unkommentiert passiert und zum Lachen anregt. Das war in Deutschland neu. Bis dato wurde Witz nur über Worte transportiert. Auch im legendären „Dinner for one“ ist das gesprochene Wort eher ein Rahmen. Die eigentliche Handlung  ist non-verbal.

Für eine gelungene Rede ist die Pause an der richtigen Stelle – also vor einer wirklich herausragenden Aussage – ein wirkungsvolles Stilmittel, das jeder Redner einsetzen kann. Es funktioniert sowohl bei der abgelesenen Rede als auch im freien Vortrag. Der Zuhörer, der ja im Grunde noch immer der Logik eines Urwaldbewohners folgt, reagiert auf „Störungen“ im Ablauf zwangsläufig mit Aufmerksamkeit, weil sein Gehirn noch immer auf Gefahren programmiert ist. Der Zuhörer kann sich also gegen diese Aufmerksamkeit gar nicht wehren, auch wenn das Gefahrenpotential einer Rede meistens begrenzt ist.

Das gilt auch für die vermeintliche Sicherheit in einer Gruppe, in der man sich Laxheiten eher erlauben kann. Wenn also zwei Zuhörer in der zweiten Reihe ein Privatgespräch antuscheln, während Sie am Pult stehen und Weltbewegendes vortragen, reichen eine Pause und der Blickkontakt mit den Störern. Das hebt diese aus der Sicherheit der Gruppe heraus und macht sie zu den ungezogenen Individuen, die sie ja tatsächlich sind.

Gleiches gilt für Handy-Störungen. Eine kurze Pause signalisiert dem Besitzer, dass sein Ding stört. Gleichzeitig geben Sie allen anderen Zuhörern unausgesprochen den Tipp, die Stummschaltung zu überprüfen.

Das Setzen von Mini-Pausen kann im ganz normalen Tagesgeschäft gut trainiert werden. Jedes Telefonat, jedes längere Gespräche eignet sich, um Sekunden-Pausen einzubauen und ihre Wirkung zu beobachten. Als unbeabsichtigter Nebeneffekt könnte sich zusätzlich ein kompakterer Sprachstil entwickeln: Man benötigt weniger Wörter für die gleiche Botschaft. Wahrscheinlich gewinnt man durch die Pausen mehr Zeit für die Reflexion und findet das treffende Wort schneller. Gleichzeitig verlangsamt sich das Sprachtempo, was die Aufmerksamkeit zusätzlich erhöht.

Besonders drastisch kann man die Pause in heiklen Situationen einsetzen, etwa wann man mit einer peinlichen Frage konfrontiert wird, die man gar nicht beantworten möchte. Anstatt wortreich Drumherum zu reden oder die Stillosigkeit der Frage zu kritisieren könnte man durch „ewiges“ Schweigen den taktlosen Fragesteller in die peinliche Situation bringen, die ihm gebührt. Je öfter man bewusst Pausen setzt – und immer mehr Spaß an diesem Stilmittel entwickelt – desto selbstverständlicher werden sie im Vortrag an der richtigen Stelle gesetzt, ohne dass man viel Aufmerksamkeit auf sie verwenden muss.

Besonders gut setzte Vicco von Bühlow seine Pausen. Es fiel kaum auf, wenn sein Vortrag an den entscheidenden Stellen unmerklich stockte. Das funktionierte auch in den von ihm inszenierten Dialogen seiner Schauspielpartner. Hier allerdings wurden die Dialoge durch zum Teil lange Pausen unterbrochen, in denen die Handelnden absurde Dinge absolvierten. Wahrscheinlich lieferte er auch die längste Pause der deutschen Fernsehgeschichte, als er in dem Sketch „Das Bild hängt schief“ in einer Gesprächspause ein ganzes Zimmer verwüstete.

Vielleicht sollten Sie in Ihrer nächsten Rede ein ähnliches Ergebnis noch nicht anstreben.