Der Schwarze Peter

Er gilt als unbeliebt, moralisch bedenklich und scheint dennoch ein unentbehrlicher Helfer in größter Not zu sein: der Schwarze Peter. Ihm ist es zu verdanken, dass die eigene Weste weiß bleibt, die Karriere intakt und den Schaden jene tragen, die nicht so virtuos mit dem Verteilen von Vorwürfen und Schuldfragen umgehen können. Klarer Punktvorteil also für den, der das Spiel beherrscht.

Allerdings will der Umgang mit dem Schwarzen Peter gelernt sein, denn jede Spielvariante hat ihre Tücken:

Der Unwissende

Die Chefetage hat nichts gewusst, weil die nachrangigen Abteilungen nicht informiert haben. Problem: Hier kommt unweigerlich die Frage auf, warum Informationen nicht bis oben durchgedrungen sind.

Sachzwänge

Diese Argumente kommen langsam aus der Mode, sind sie doch ein Zeichen für eigene Passivität. Man hätte die Zwänge ja längst ausräumen können, hätte man die Power gehabt.

Der Vorteil dieser Methode ist, dass man niemanden persönlich angreift. Gut funktioniert das z.B. bei der Bahn: Verspätungen werden dort verursacht durch Signalstörungen, Störungen im Betriebsablauf oder belegte Gleise im voraus liegenden Bahnhof. Was soll man auch machen, wenn Signale nicht mehr wollen, Betriebsabläufe verstören und Gleise einfach nicht von allein frei werden.

Entscheidungskaskade

Das Weiterreichen von Verantwortlichkeiten ist die wohl beliebteste Spielart, weil sich die Probleme immer weiter vom eigenen Standort entfernen: Ein Prunkbau wird nicht fertig und verursacht immer höhere Kosten. Wer ist schuld? Völlig klar: die Anderen.

Der Architekt verweist auf immer neue Änderungswünsche des Bauherrn, der verweist auf die immer neuen Anforderungen der Politik, die verweist auf die angespannte Kassenlage und letztlich ist der Steuerzahler schuld, der nicht bereit ist, für einen Prunkbau viel Geld hinzulegen.

Ignorieren

Die Königsklasse: Ein Problem wird in der Öffentlichkeit und in der Presse heftig diskutiert und man selbst – als Entscheider – schaut interessiert zu. Er signalisiert lediglich, er habe mit diesem Thema nichts zu tun und sitzt die Auseinandersetzung schweigend aus.

Ordnungsgemäßes Handeln

Ein völlig absurdes Beispiel: Ein gefährlicher Straftäter reist unbehelligt durch die Lande. Alle zuständigen Behörden wissen davon, legen alle Vorschriften passiv aus, lassen zu, dass eine weitere schwere Straftat geschieht, und stellen abschließend fest, dass behördlich alles ordnungsgemäß gelaufen ist.

Zur Entlarvung dieses schwarzen Peters reicht eine simples Gedankenspiel: Nehmen wir mal an, es wäre nicht alles ordnungsgemäß gelaufen. Es hätte Chaos geherrscht und alle Behörden hätten alles, wirklich alles, falsch gemacht. Das ist gewiss undenkbar, aber stellen wir es uns trotzdem vor: Was wäre im Ergebnis der Unterschied gewesen?

Welche Reaktion wäre also angeraten, wenn wirklich alles falsch läuft, man einerseits die öffentliche Häme vermeiden und andererseits seine eigene Integrität nicht beschädigen will?

Zunächst sei darauf hingewiesen, dass niemand Perfektion erwartet. Man sollte also nicht versuchen, eine Erwartungshaltung zu bedienen, die gar nicht vorhanden ist. Erwartet wird vielmehr Glaubwürdigkeit – auch in Krisensituationen – und konkrete Optimierungversprechen für künftiges Handeln. Zur Glaubwürdigkeit gehört, dass man Fehler auch tatsächlich klar benennt.

Der „Unwissende“  könnte seine Unkenntnis für sich behalten und stattdessen klar auf die gemachten Fehler und seine eigene Verantwortung, die er als Firmenchef trage, hinweisen. Je eher alle Pannen auf den Tisch kommen, desto besser. Das Unternehmen erspart sich auf diese Weise wochenlange Enthüllungen, Rechtfertigungen, Widersprüche und letztlich einen bedeutend größeren Imageschaden. Diesem Eingeständnis sollten Maßnahmen der Besserung folgen. Nicht also ein pauschales ‚Wir haben verstanden’, sondern konkrete Maßnahmen, mit denen künftig Misserfolge verhindert werden. Im günstigsten Fall kann man gerade im Fall einer Krise eigenes, tatkräftiges Handeln beweisen.

Im Grunde gibt es „Sachzwänge“ nicht. Wo sie vermutet werden, wurden sie von Menschen gemacht. Also sollte man sie auch nicht ernsthaft als Rechtfertigung andenken.

Die „Entscheidungskaskade“ ist im normalen Geschäftsalltag Realität. Nur selten lässt sich ein Problem einem einzigen Auslöser zuordnen.  Es reicht daher aus, die Probleme der unterschiedlichen Entscheidungsebenen konkret zu benennen und auch den eigenen Anteil nicht zu verschweigen. Dadurch werden in Folge Rechtfertigungen der anderen Mitverursacher verhindert. Man hatte ja bereits zugegeben Mitverursacher zu sein. Aber auch hier reicht die rückwärtige Analyse nicht aus. Der Steuerzahler will wissen, wie künftig so ein Desaster verhindert werden soll. Man könnte daher  fordern, dass künftige Großprojekte realistisch kalkuliert und von externen Gutachtern geprüft werden, Änderungswünsche tabu sein müssen und der Bau erst begonnen wird, wenn die Finanzierung voll gesichert ist.

Der „Ignorant“ hingegen kann durchaus Erfolg damit haben, abseits des Kreises der Verursacher zu stehen. Letztlich funktioniert diese Taktik nur, wenn es plötzlich neuere und bessere Aufreger gibt, die das eigene Problem in den Hintergrund drängen. Das ist gewöhnlich nach drei Wochen der Fall.

 „Ordnungsgemäßes Handeln“ ist unerlässlich für Behörden und wird vom Bürger auch zu Recht erwartet. Ärgerlich wird es, wenn der Bürger aus dem Blick gerät und Verwaltungs-Aktivitäten versanden oder zur Selbstbeschäftigung werden. Auch hier gibt es nur den einen Ausweg: das Aufzeigen von Wegen, Behördenarbeit effizienter und bürgernäher zu organisieren. Das gilt auch für öffentliche Investitionen, die nicht immer in Aufwand und Höhe nachvollziehbar sind. In den meisten Fällen hilft es, den Bürger einfach mal vorher zu fragen, ob er vorgesehene Mega-Events für sinnvoll hält, ob der eine oder andere Bahnhof untertunnelt, der oder andere Flughafen gebaut werden soll. Manchmal lassen sich auf diese Weise Fehlinvestitionen verhindern. Immer hingegen trägt eine Volksbefragung zur Akzeptanz und Befriedung bei. Erstaunlich, wie selten von ihr Gebrauch gemacht wird.